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  • »Onkel Fester« ist der Autor dieses Themas

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Mittwoch, 20. Juni 2012, 22:29

1930 Cadillac 452A V16 Town Brougham Fleetwood Style 4264-B

Moin allerseits, :wink:

nachdem ich bisher eigentlich immer der schlechten Gewohnheit gefolgt bin, den Leuten mit reichlich Buchstaben zum Original, zum Kit und zum fertigen Modell innerhalb ein- und desselben Bauberichts auf den Seiher zu gehen, hab ich mich jetzt aus gegebenem Anlass dazu entschlossen, das so in drei Teile zu zerlegen, wie es die Forengliederung eigentlich sinnigerweise vorsieht.

Thema wird letztendlich das Jo-Han Kit des 1930 Cadillac 452A V16 Town Brougham werden. Anlass dafür, dass ich erst mal eine Originalvorstellung vorneweg mache, ist aber, dass das einzige weltweit noch existierende Exemplar dieses Fahrzeugtyps im März und April auf Ebay Motors zum Verkauf stand und eine Reihe wirklich großartiger Bilder von diesem echt majestätischen Auto in der Anzeige waren. Ich habe mir erlaubt, die Bilder gnadenlos downzuloaden, um Euch hier einen Teil zeigen zu können, bevor dann Bausatzbeschreibung und Baubericht folgen.
Zum V16 allgemein habe ich in den Bauberichten zu meinem 452-B Special Phaeton, meinem 452A Sport Phaeton und den 452C-Modellen von Italeri schon reichlich Text hinterlassen. Insofern beschäftige ich mich hier jetzt nur noch mit diesem speziellen V16.
Von all den zig luxuriösen Karossierievarianten, die Fleetwood auf dem Chassis des 452A anbot, war der 4264-B das Topmodell und damit auch der König der gesamten `30/`31er Baureihe. Er kostete in der „Grundausstattung“ bereits stratosphärische $ 9700 und war mit ein paar Extras locker in Regionen weit jenseits der Zehntausend zu hieven.







Der Town Car als Karosserieform (vorn offen, hinten geschlossen) war eine ebenso gediegene wie imposante, auf Chauffeursbetrieb ausgelegte Erscheinung, die schon beim Vorbeifahren Noblesse, Distinguiertheit und Wohlstand signalisierte. Der 4264-B aber war selbst unter den Town Cars eine Besonderheit. Mit der scharfkantigen Silhouette des Passagierabteils („razor-edge style“), deren Anspielung an den Kutschenbau unübersehbar war, und den weitgeschwungenen offenen Kotflügen, kombinierte man die kantige, fast steife Eleganz des Edwardian Age mit den Rundungen und dem Schwung des Art Deco. Das Ergebnis finde ich in dieser Form ebenso ungewöhnlich wie spektakulär, obwohl mir die ganz ordinären, geschlossenen 7-Passenger-Sedans der Styles 4175 und 4375 besser gefallen.
Der Town Brougham stand auf einem Fahrgestell mit 148 Zoll (3,76 m) Radstand und sein Gewicht betrug nah an drei Tonnen.

Hier mal ein Blick auf das luxuriöse Interieur mit seiner Lederbank für den Chauffeur, plüschigen Kuschelsesseln für die Passagiere und jeder Menge Edelholz:







Hier haben wir dann den „Dictograph“ – den Schalltrichter des His-Master’s-Voice-System dieser Town Cars. Das ermöglichte es den Passagieren in Ihrer Zelle, dem Chauffeur berührungsfrei mitzuteilen, welches Ziel man als nächstes anzusteuern gedenke. 8)




Das Passagierabteil konnte mit einer Verzierung geordert werden, die „French Canework“ hieß. Das war eine Art Korbgeflechtimitat auf den Außenseiten, die bis Mitte der Dreißiger wohl ein (wenn auch seltenes) Stylingelement auf diversen Town Cars war. Dieses Imitat bestand aus einem Flechtmuster, das mit einem besonders pastösen Lack von Hand auf das Werkstück aufgetragen wurde – ich möchte nicht wissen, wieviel Arbeitstage die dafür damals verbraten haben, bis so ein Muster stand, denn diese Flächen sind ja alles andere als klein….



Insgesamt wurden nur sechs Stück vom Typ 4264-B gebaut, wovon drei das „French Canework“ hatten.

Exkurs: Im Frühjahr 1930 wurden fünf, möglicherweise auch sechs verschiedene 452A auf eine Promotion-Tour nach Europa verschifft. Es ist nicht mehr ganz klar, wann und wo genau diese Tour begann, aber Stationen waren jedenfalls Stockholm, Paris, etliche deutsche Städte, wiederum Frankreich und (wohl zuletzt) Spanien mit vor allem Madrid. Die Autos waren nach Stockholm verschifft worden und machten den Rest der ganzen Tour zum größten Teil auf eigenen Rädern. Es gibt ein hübsches Bild von dem Konvoi auf einem Passübergang der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien. Einer der Mitreisenden in diesem Konvoi war ein 4264-B French Canework und auf diesem Bild hier steht er….na, wo ?.......


Richtig: auf der Kölner Domplatte.
Das Schicksal der Konvoifahrzeuge ist weitestgehend unbekannt, sie kamen jedenfalls nie in die USA zurück. Einer davon wurde seiner Karosse entkleidet und bei Saoutchik in Paris in ein extravagantes Kostüm gesteckt. Der Saoutchik-V16 jedenfalls hat bis heute überlebt.
Die Verkäufe in der Alten Welt trugen noch nicht mal die Kosten der Tour, aber die ganze Baureihe war ja eh kaum mehr als ein Publicitygag. Insgesamt wurden so etwa achtzig 452er in die alte Welt verschifft. Einer davon war ein Fleetwood 4175 7-Passenger Sedan, dessen Erstbesitzer der Gouverneur von Gibraltar war. Dieses Exemplar war über etliche Jahre hinweg der einzige bekannte V16 in Deutschland und gehörte einem netten Herrn im Kreis SFA, mit dem ich Anfang der Achtziger mal einen kurzen Briefwechsel hatte. Im Moment ist, mir zumindest, nicht klar, was aus dem Auto geworden ist.
In den letzten dreissig Jahren sind noch mindestens zwei Roadster Fleetwood Style 4302 dazugekommen: einer gehört einem Privatmann in Potsdam und einer steht in der Klassiksammlung der Automobilstadt Wolfsburg.
Es kursiert übrigens das Gerücht, dass die Wehrmacht während des Krieges die V16 und andere Typen stark motorisierter Auslandsfabrikate konfisziert, die Karossen abmontiert und verschrottet hat, während die Fahrgestelle zum Anschleppen der riesigen Gotha-Lastensegler verheizt wurden……



Keiner der 4264-B hat die letzten achtzig Jahre überlebt. Ja, Moment mal, und von was sind dann die Bilder hier?
Na ja, bei Fahrzeugen, bei denen Chassis, Unterbau und Karosse völlig trennbare Einheiten sind, ist das, genügend Idealismus, Fertigkeit und Bimbes vorausgesetzt, kein Problem. Man nimmt einen „fremden“ Bestandsaufbau und strickt ihn entsprechend um. Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine Konversion eines Town Car Style 4291 in einen Town Car 4264-B French Cane. Dieser Umbau fand über zwei Jahrzehnte von Mitte der Sechziger bis Mitte der Achtziger statt. Hier seht ihr mal den Unterschied zwischen einem Town Car 4264-B (oben) und dem 4291 (unten).






Um den Umbau der Karosse hinzubekommen, muss man mindestens
- das Passagierabteil leicht verkürzen
- die Dachlinie auf das kantige Razor Edge-Design umbauen,
- die Trennwand ein Stückchen vorversetzen
- das Heckseitenfenster zumachen
- und den durchhängenden Schweller des 4291 zu diesem komplizierten gerade/gebogenen Postkutschendesign des 4264 umbauen.

Was sonst noch an Änderungen, z.B. im Innenraum, nötig war – keine Ahnung. Jedenfalls war das eine ziemlich große Revision, die entsprechend Geld verschlungen haben wird.

Exkurs: Will jemand_meine_Meinung hören? _Ich_hätte das _nicht_gemacht. Zwar gab es keinen der sechs 4264-B mehr, aber auch der 4291 ist insgesamt nur vierzehnmal ausgeliefert worden. Im Endeffekt hat man damit ein Stück Vergangenheit unwiederbringlich vernichtet, um ein anderes Stück synthetisch zu erzeugen. Na ja. Wer’s Geld hat…. Die Geschihcte des Basis-4291 für diesen Umbau ist übrigens nahtlos belegt.
Ein ähnliches Schicksal ist übrigens auch vielen der am häufigsten verkauften 452A, nämlich der rundum geschlossenen Sedans und Limousinen der Typen 4130, 4175, 4330 und 4375 widerfahren. Während der Vierziger und Fünfziger, als der V16 nur noch eine archaische Luxuskarre mit einem hübschen, aber rettungslos antiquierten Triebwerk war, nahmen noch brauchbare Aufbauten oft den Platz von verschlissenen ein. Außerdem kristallisierte sich irgendwann heraus, dass plötzlich offene Aufbauten wie Roadsters, Convertibles und Phaetons in Liebhaberkreisen wesentlich favorisierter waren. Und so wurde manche dieser imposanten Limousinenaufbauten von seiner Bodengruppe in die Schrottpresse befördert, um einer offenen Karosse Platz zu machen. Schande……


Beim Umbau hatte man sich ein Spezialwerkzeug gemacht, mit dem man das Canework-Muster auf die Karosse „aufrollen“ konnte. Es ist anzunehmen, dass man sowas früher bei Fleetwood auch hatte. Diesmal allerdings hat irgendwas am Design nicht gepasst: zum Schluss war das Muster um 45° verkippt aufgetragen. Beim Original müssen die Doppelflechtreihen vertikal verlaufen, so wie hier:



bei der Konversion laufen sie diagonal, so wie hier:



Ich weiß nicht, ob der Auftraggeber das direkt gemerkt hat, aber_ich_hätte bei_dem_Preis Genickschüsse verteilt dafür….. :!!

Kurioserweise tauchte genau dieses Einzelstück im März `12 auf Ebay Motors zur Auktion auf – Startgebot $625.000. War wohl nix – im April stand er wieder drin: Startgebot $525.000. Blöd, dass ich meine ganzen Millionen für Modelle ausgeb´ statt für Originale, sonst hätt‘ ich glatt mitbieten können :-D :-D :-D…… Jedenfalls war diese Anzeige eine Quelle für etwa 40 wunderschöne Detailbilder von diesem wunderschönen Auto. Ich denke, die werden mir beim Anfertigen des Modells noch hilfreich sein. Der komplette Bildsatz findet sich in der Survivors-Listevon Yann Saunders' Cadillac Database

So, und jetzt geb' ich mich an die Bausatzvorstellung......
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Hubra

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Mittwoch, 20. Juni 2012, 23:43

Hallo Juppes. :wink:

Bitte das eine Bild noch richtig einstellen.
Ich hätte es ja gemacht, aber ich weiß nicht an welche Stelle es soll. :nixweis:

Gruß Micha.


Hier geht es zu den Videos von meinen Blaulichtern, aktuell auch zum Video der Drehleiter

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3

Freitag, 22. Juni 2012, 00:28



Bitte das eine Bild noch richtig einstellen.
Ich hätte es ja gemacht, aber ich weiß nicht an welche Stelle es soll. :nixweis:

Gruß Micha.


Ja, ähm - ich auch nicht. :rot: Hab's weggemacht.

Gruß
O.F.
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dagmar bumper

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Samstag, 23. Juni 2012, 00:11

Howdy Juppes :wink: ,

ma ganz ehrlich: Ich bin schwer beeindruckt von Deiner "Detailversessenheit" und von Deinem enormen Fachwissen um diese Fahrzeuge. Mein echt empfundener Respekt ist Dir sicher, soviel ist sicher. Klasse, ich bin total gespannt, wie es weitergeht, obwohl es sowas von gar nicht mein Interessensgebiet ist, aber Du machst das so anschaulich, dass es eine Freude ist, Deine Berichte zu lesen.

So long

Matze

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Montag, 20. Juni 2022, 19:01

Heute, auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Ersteintrag, hab ich noch ein Update :D

Das Auto ist 2015 wieder auf einer Auktion aufgetaucht, diesmal bei Frederiksen in Dänemark:

https://www.bonhams.com/auctions/23234/lot/43/

Es ging für - wie ich fand - sehr enttäuschende EUR 216.000 weg. Entweder musste der Verkäufer ihn unbedingt weghaben oder es ist irgendwas dran, was nicht beschrieben war. Ich weiß auch nicht, wo er hingegangen ist. Derzeit verliert sich die Spur im Netz.
Auffällig ist allerdings, dass er inseriert ist mit "IFS Coil Spring Suspension, Leaf Sprung Rear Axle". Wenn das stimmt, hat jemand die Vorderradaufhängung auf Schraubenfeder umgebaut - das ist natürlich ein grober Schnitzer hinsichtlich der Originalität. Möglicherweise war er auch 2012 schon so, denn ich kann auf den Bildern die typischen geschmierten "shackles" der Blattfederenden nicht finden, und Bilder "von unten" gibt es keine.
Möglicherweise hat das ganze Auto also nicht nur unhistorische Wurzeln, sondern auch noch unhistorische Technik. :pinch:
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