Gibt es irgendwelches Wissen darüber, wie die Brasswinde auf der Thermopylae vermutlich tatsächlich ausgeführt war? Für sachdienliche Hinweise, wenden Sie sich bitte an diesen Thread ...
Hallo Volker.
Ich habe über diese Winsch im Jahre des Heiles 2010 mal mit Jan Gelbrich In Schweden korrespondiert und dabei ihren wahrscheinlichen Mechanismus besprochen. Ich kopiere euch und Dir mal diese prähistorische Mail in den laufenden Baubericht und hoffe, daß ich diese eigenartige Maschine einleuchtend beschrieben habe. Wenn nicht : bitte Laut geben. Deine einkopierte Werkszeichnung ( aus MacGregor "Fast Sailing Ships "? ) ist ja schon selbsterklärend, wenn man die etwas ungewohnte Brassenführung querschiffs über Deck berücksichtigt hat.
Viel Spaß
Germanus
>>Das Problem der Braßwinschen besteht in den unterschiedlich langen Verbindungslinien der sich in
den Racks drehenden Rahnocken zu den Holepunkten. Diese gedachten Linien, die in natura
von den Brassen durchlaufen werden, lassen sich geometrisch als Sekanten beschreiben, die sich als
die direkten Verbindungen der Rahnock durch die Innenseite des Drehkreisbogens der Nock zum Holepunkt
darstellen lassen. Gemessen als gerade Verbindungsstrecke der Nock zum Holepunkt beschreiben die
Rahnocken beim Rundholen also unterschiedlich lange Wege, je nachdem, wie weit sie vor oder
achtern zur 90°-Stellung zur Schiffslängsachse ihre Drehung beginnen; und je länger die Rahen,
umso größer die Differenz. Dieses Problem hat man, je nach Winsch, auf zweierlei Arten gelöst :
1)
Bei den Jarvis-Winschen läuft aufgrund der Konizität der Trommelpaare der auf der einen
Trommel liegende Braßläufer vom größten Trommeldurchmesser ab hin zum kleinsten, und
gleichzeitig der auf dem kleinsten Durchmesser des Trommelpaares liegende andere hinauf auf den äußeren, größten
Durchmesser. So wird auf der einen Seite zuerst mehr abgefiert, als die andere aufnimmt, bis sich
durch die Drehung der Rah die Verhältnisse nach geometrisch einfachen Mustern umkehren, und die
erste Trommel weniger Draht ablaufen läßt, als die zweite aufnimmt. Dadurch wird die beim Brassen
entstehende Längendifferenz ausgeglichen. Die Konizität der Windentrommeln läßt sich durch
axiales Verschieben der beiden, auf der Windenpaar-Achse sitzenden Scheiben nach innen oder außen
recht genau an den benötigten Braßweg anpassen. Die Trommeln werden also durch diese Scheibe
für entsprechend mehr oder weniger Wickelweg stärker auseinandergespreizt oder flacher angestellt.
Falls die Winde noch Lose haben sollte, wird das Feintuning der Brassen durch kurze
Taljen an der unteren Brassenpart von Hand bewirkt.
2)
Das Feintuning der Unterrahen bei den Cunnighamwinschen habe ich auch erst nach ein paar
Minuten Nachdenkens kapiert. Es kann nur so erfolgt sein, daß beim Brassen beide Kettenstopper
natürlich zuerst lose geklappt wurden. War die Hauptarbeit getan und die Rah in etwa in Position
gebraßt, ließ sich durch das Sperren desjenigen Stoppers, durch den die Kettenlose ablief, die Rah
auf dieser Seite blocken, sodaß nun beim weiteren Kurbeln die andere Seite, auf der die Last hängt,
solange weiter eingebraßt werden konnte, bis beide Braßläuferketten steif geholt waren. Nach
Beklemmen der zweiten Kettenpart war dann die Rah endgültig angebraßt.Daß dabei wegen der
unterschiedlichen Braßwege etwas Kettenstau auf der ablaufenden Seite der Braßkette entstand, war
wohl bei der, relativ zu den modernen Seglern, geringen Länge der Brassen nicht erheblich, da der
Zug auf dem anderen Kettenende dasselbe fest genug an die Trommel zog und ein Überspringen
verhinderte. Wahrscheinlich war zur weiteren Feineinstellung und zum Beiholen der Lose doch noch
eine Talje auf der festen Kettenpart der Brasse angeschäkelt, beschrieben ist es
aber nirgends. An sich war das eine genial einfache Idee, die sich aber nicht so recht durchgesetzt
hat. Ich nehme an, daß die Arbeitserleichterung doch nicht groß genug war, um dieser Hilfsmaschine
zum Durchbruch zu verhelfen ; schließlich mußten die anderen vier oder fünf Rahen ja doch noch mit
dem Patent "Armstrong" beackert werden. Da war die Jarvis-Winsch schon wesentlich effektiver,
zumal mit wachsender Schiffsgröße die Rahen immer unhandiger wurden und bald nur noch durch
diese Jarvis-Patentwinde beherrscht werden konnten.
Tschüs und viele Grüße
Germanus<<